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Jetzt Weichen stellen: Nachhaltige Perspektiven für die Bauwirtschaft nach der Corona-Krise

Während viele Wirtschaftsbereiche derzeit einen Stillstand ungekannten Maßes erleben, wird auf vielen Baustellen Nordrhein-Westfalens weiter gearbeitet als sei nichts gewesen. Lieferengpässe sind selten, es gibt nur wenige Einschränkungen, zum Beispiel dort, wo osteuropäische Arbeiter-Kolonen fehlen und damit der Bauablauf gestört wird, dort, wo ein grenzüberschreitendes Arbeiten schwieriger wird oder auch in der Sanierung von privaten Haushalten, die aktuell bei der Beauftragung von Handwerkern auch zurückhaltender sind. Da der Bau vor Einbruch der Corona-Krise jedoch einen enormen Boom erlebte, der nur durch den Mangel an Fachkräften gebremst war, arbeiten auch heute fast alle Bau-Betriebe noch unter Volllast. Zugleich besteht in Nordrhein-Westfalen nach wie vor ein enormer Investitionsstau. Sowohl in der Verkehrsinfrastruktur, bei öffentlichen Gebäuden, aber auch in der privaten Wohnungswirtschaft steht über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, ein großes Bauvolumen an.

Wenn jetzt die richtigen Weichen gestellt werden, birgt diese Situation eine Chance für eine nachhaltige Zukunftsperspektive am Bau, nachhaltig im klassischen Sinne des Dreiklangs: ökonomisch, ökologisch und sozial.

 

Baukran

Zwei Bedingungen Konjukturpaket planen und Shutdown verhindern!

Wird insgesamt von der Wirtschaftswissenschaft mit einem Einbruch der Volkswirtschaft bis Mitte des Jahres 2020 und dann folgenden Schwierigkeiten bei Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit gerechnet, so hat die Baubranche die Möglichkeit ungebrochen weiter zu arbeiten. Die große Zahl der Betriebe wird die Corona-Krise unbeschadet überstehen, nur wenige Beschäftigte am Bau werden in Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit gehen müssen. Unter diesen Bedingungen ist die Branche in der Lage, ein volkswirtschaftlicher Anker zu sein und nach der Krise in großem Stil Investitionen umzusetzen.

Zwei Bedingungen müssen dafür erfüllt werden:

Erstens brauchen wir ein Konjunkturpaket, das für einen ökonomischen Auftrieb in der Branche sorgt und dies mit einer strategischen Ausrichtung an ökologischen und sozialen Zielen verknüpft. Die öffentliche Hand hat eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie kann bei einer intelligenten Steuerung heute große Effekte in der Zukunft erzielen. Eine Verbindung von Investitionen z.B. mit ökologischen Zielen bei der Verkehrswende, aber auch bei dem Bau von energiearmen Gebäuden oder der energetischen Sanierung von Bestandsgebäuden ist im Effekt genauso wenig zu unterschätzen wie eine Verknüpfung mit sozialen Zielen. Rund 40% der Aufträge am Bau kamen auch vor Corona bereits aus den Kommunen, den Ländern und vom Bund. Mit einem Konjunkturpaket könnte dieses Volumen noch steigen. Dabei sollte der öffentliche Auftraggeber seinen Beitrag leisten, dass diese Marktwirtschaft den Namen „Soziale Marktwirtschaft“ verdient und Aufträge nur an solche Unternehmen geben, die tarifgebunden Mitglied in einem Arbeitgeberverband sind, die sich an Tarifverträge halten und Mitbestimmung durch Betriebsräte fördern.

Zweitens muss der Shutdown der Bauwirtschaft während der Corona-Epidemie verhindert werden. Es besteht jedoch ein erhebliches Risiko, denn nicht jeder Arbeitgeber hat im Blick, dass Infektionsschutz auch ein Thema für die Teams auf den Baustellen sein sollte. Im Bauhauptgewerbe arbeiten rund 150.000 Beschäftigte in NRW, dazu kommen die Ausbaugewerke wie Dachdecker, Maler, Gerüstbau usw. Das größte Thema für die Bauarbeiter ist der mangelnde Arbeits- und Gesundheitsschutz. Aus den größeren tarifgebundenen Unternehmen melden die Kollegen der Industriegewerkschaft Bauen Agrar Umwelt, dass die Situation einigermaßen in Ordnung ist. Aber 90% aller Unternehmen am Bau haben weniger als zehn Beschäftigte, viele sind nicht tarifgebunden und dort fehlt es an der Einhaltung einfachster Regeln: Die Arbeitnehmer*innen werden immer noch genötigt mit sechs oder sieben Personen in einem Transporter zur Baustelle zu fahren, ein Abstand von 1,5m wird hier ignoriert. Oft gibt es nur mobile Toiletten, keine Möglichkeit zum Händewaschen oder Desinfizieren, usw. Wenn eine Infektionskette auf den Baustellen und damit ein Shutdown der Bauwirtschaft verhindert werden soll, sind Bauherren und Bauarbeitgeber gut beraten, auf Arbeits- und Gesundheitsschutz für die am Bau beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu achten. Dies wäre die Bedingung, damit der Bau der Motor der Wirtschaft jetzt und auch in Zukunft sein wird.

Es ist eine Frage der politischen Steuerung, ob die Bauwirtschaft einen nachhaltigen Pfad finden wird oder die Gewinnmaximierung alleiniges Ziel der Unternehmen bleibt. Die Potentiale in der Lenkung sowohl für den Klimaschutz als auch eine sozialere Gestaltung der Beschäftigungsverhältnisse in der Branche liegen auf der Hand und könnten sehr schnelle Effekte erzielen.